Mülltonne

Ich bin seit einem bewölkten Donnerstag im August 1974 da. Ich existiere und atme und wundere mich wie lange ich das schon mache und das soviel Zeit seitdem verstrichen ist. Plötzlich ist die Kindheit vorbei, ist die Jugend vorbei, sind die Kinder groß, sind Dinge passiert und es sind einige Leute gestorben. Es hat sich viel verändert. Doch genauer betrachtet, ist alles beim Alten. Es ist wie immer. Nur sind wir alle ein paar Stellen weiter gerückt. Wie in einem Stuhlkreis oder auf der Sitzbank in einem Warteraum. Plötzlich ist der Tag vorbei. Das Spiel ist aus, das Geld ausgegeben. Das Restgeld kriegt die Kellnerin und wir gehen nach Hause und sterben.
Wir sterben noch nicht wirklich. Ich atme weiter und versuche zu verstehen, wer ich bin und warum ich da bin. Denn ich habe viel Zeit. Wenn man erst einmal eine Weile nicht mehr täglich zur Arbeit geht, ist das zunächst eine einzige große existenzielle Katastrophe. Jedenfalls wenn die Richtigkeit des bisherigen Lebens mit seiner Stabilität und Sicherheit, mit seiner ökonomischen Potenz und der Kraft des sozialen Zusammenhalts und der Bestätigung des eigenen Ichs zu einem großen Teil über und durch die Welt der Arbeit erzeugt wurde. Der Wegfall meiner Arbeit warf vor allem die Frage der Daseinsberechtigung auf. Es war wie bei einem Handy, dessen Netzteil unwiederbringlich verlorengegangen ist. Kein Netzteil – kein Nutzen. So empfand ich auch meine Situation: Keine Arbeit – kein Nutzen. Ich war so unnütz und wusste mir keinen Nutzen zuzuschreiben, der aus mir selber heraus genügte. Wie soll das auch gehen? Ich kann mir selber nicht so einfach Nutzen zuschreiben, wenn ich aufgrund meines mangelnden Selbstvertrauens nicht davon überzeugt bin, dass ich tatsächlich nützlich wäre. Ein wichtiger Grund, warum sich einige meiner ehemaligen Kollegen so sehr an ihre schlecht organisierte und schlecht bezahlte Arbeit klammerten ist genau der Grund: mit dem Wegfall der Arbeit verlor ich eine Bedeutung, die sich ausschließlich aus der Arbeit und ihrer daraus entwickelten Beziehungen speiste. Ohne die Arbeit bin ich zwar da, aber es macht keinen gesellschaftlich spürbaren Unterschied, wenn ich nicht da bin. Das geht im Grunde genommen allen so. Nur bedingt sind wir wichtig. Deswegen ist es um so wichtiger, diese kleine Wichtigkeit zu bewahren und zu verteidigen. Niemand hat mir beigebracht, ganz mit mir allein klar zu kommen. Meine eingeschränkten sozialen Kompetenzen reichten bisher nicht dazu aus, dass ich aus eigener Kraft einen Sinn in meinem Leben wie einen Samen in mein Hirn pflanzen kann. Die Erde für den Samen ist der Zweifel. Nicht das Vertrauen. Der Zweifel verdirbt den Samen, verdirbt den Sinn.

Eine Ursache dafür, dass ich künstlerisch so vielfältig aktiv bin, liegt darin begründet, dass ich einen Ersatz für die Realität brauchte. Das heißt, zum einen hatte ich, so lange ich denken kann, einen Gestaltungswillen in mir. Das fing zunächst mit Malen und Zeichnen an. Es war eine Beschäftigung, die sich mir tagtäglich im Kindergarten anbot. Meine Mutter brachte mich sehr früh in den Kindergarten, wenn sie zur Frühschicht auf Arbeit musste. Ich war einer der Ersten, wenn nicht der Erste überhaupt, der in der Dunkelheit der feuchtkühlen Morgenstunden im Kindergarten ankam. Dann herrschte noch ein gewisser Frieden und eine trügerische Stille in den hohen Räumen der einstigen Villa. Ich setzte mich an den Tisch mit den Stiften und dem gelben Malpapier und vertrieb mir die Zeit bis zum Frühstück. Zugleich war es eine Möglichkeit, mich in die Bildgestaltung zu versenken wie in ein warmes Bad, während sich um mich herum die triste Wirklichkeit aufbaute. Bis irgendwann so viele Kinder den Raum mit ihren Stimmen und den Geräuschen vom Stühlerücken erfüllten, dass der innere Zauber des Entstehens eines Bildes verlorenging wie ein Haufen Styroporflocken im Wind.
Ich hatte damals schon Angst vor der ersten körperlichen Berührung des Tages. Vor den ersten Worten, die an mich gerichtet wurden. Aufforderungen. Befehle. Zurechtweisungen.
Kunst und das Spielen mit ihr war von früh an eine Möglichkeit der Flucht aus der Realität. Ob nun Bildende Kunst wie Malerei, Literatur, Musik. Später kam noch die Möglichkeit des Drogenkonsums als Mittel der Realitätsverneinung hinzu, also Zigaretten, Alkohol, Cannabis.
Aber ich hatte auch ein Problem: der Ehrgeiz meiner Mutter. Sobald sie erkannte, dass ich so etwas wie Talent hatte, wollte sie mich unterstützen und lenken. Da ich mich schon recht früh von ihr emotional abhängig fühlte, geriet ich automatisch in den inneren Konflikt zwischen meiner Vorstellung von Kreativität und dem, was ich ausdrücken möchte, einerseits. Auf der anderen Seite war da die Vorstellung meiner Mutter, welche Art von Bilder ihr gefielen, die ich malte und welche nicht. Sie hatte ihre Vorstellung von meiner Künstlerkarriere, die ich angeblich einschlagen würde mit ihr an meiner Seite. Das es solche Künstlerkonstellationen tatsächlich gibt, erfuhr ich Jahre später. Aber ich habe mich nie damit wohl gefühlt. Als Kind spürte ich die einengende Motivation meiner Mutter ohne eine andere Möglichkeit der Abwehr zu haben als die der Flucht aus dem „verseuchten“ Gebiet. Ich verzichtete später nicht gänzlich aufs Malen und Zeichnen. Aber ich tat es mit Vorsicht und Bedacht. Ich zog meine Kunst immer in Zweifel. Bis heute misstraue ich meinem Talent, meinem Können und meinem Fleiß. Alles Mumpitz. Alles eine Täuschung meines übersteigerten künstlerischen Größenwahns.
Die Entwertung meiner Kunst geht einher mit der Entwertung meiner Person. Zunächst traue ich mir nicht über den Weg. Ich bin ein fauler Lump und Nichtsnutz, der sich auf Kosten der Gemeinschaft durchs Leben schlängelt wie eine Schleiche. Es ist vor allem eine rationale Erkenntnis, dass das Alles so nicht stimmt. Ich befinde mich im 45. Lebensjahr und habe es lediglich geschafft, mir eine gewisse Form von Selbstvertrauen anzueignen, welche partiell und brüchig ist. Ich habe auch nicht mehr vor, ein Fels in der Brandung zu werden. Ich werde in gewisser Hinsicht Sand bleiben. Mal nasser Sand. Mal rieselnder trockener Sand.
Ich habe meinen Körper entwertet, meine sportlichen Leistungen. Ich habe zu meinem Körper wie auch zu meinem geistigen Wesen ein zwiespältiges Verhältnis. Ich habe bereits als Kind ohne den Einfluss von Drogen Abspaltungserlebnisse gehabt als Folge von schweren Krisen. Mit 8 oder 9 Jahren wollte ich nicht mehr Leben. Ich wollte nicht mehr da sein. Ich hielt meine eigene Existenz nicht länger aus. Jeden Morgen den Albtraum eines weiteren Tages mit mir selbst und all meinen Problemen, die ich hatte, zu erleben, immer wieder aufs Neue ohne Aussicht auf Erlösung oder Hoffnung – das hatte dazu geführt, dass der Zustand der Wachheit eine Zumutung wurde.
Doch Selbstmord als tatsächliche praktische Option machte mir damals schon Angst. Mein Körper sollte unversehrt bleiben. Ich wollte keine Schmerzen und Qualen erleben.
Also blieb wieder die Kunst. Ich fing als Jugendlicher an zu schreiben. Geschichten. Erzählungen. Schnipsel. Meine Mutter war auch damals noch ein unausweichlicher emotionaler Widerhaken für mich, auch wenn ich es nicht wahrhaben und diesen Umstand mit allen Mitteln der pubertären Aggression übertünchen wollte. Ich gab meiner Mutter Macht über meine Texte und über mein Schreiben. Ich brauchte sie. Ich war schon als Kind emotional empfindlich und zurückhaltend, hatte wenig bis gar keine Freunde. Meine Mutter und meine Schwester blieben die engsten und einzigen Personen, die ich in mein Vertrauen zog. Ich hatte wie gesagt wenig Vertrauen. Ich hatte Angst.

Als ich einige Jahre später eine Mitschülerin aus meiner Ausbildungklasse zu mir nach Hause einlud, um mit ihr eine Filmnacht zu verbringen, kam es in den Morgenstunden zu einer seltsamen Aussage mit der ich die junge Frau vor den Kopf stieß: Ich brauche niemanden.
Ich wollte das glauben, aber im selben Moment, als ich es zum ersten Mal laut aussprach, spürte ich wie falsch meine Annahme war. Aber ich konnte es in dem Moment nicht zurücknehmen. Betreten ging sie dann nach Hause und ich ekelte mich vor mir selber.
In der Zeit meiner Ausbildung lebte ich allein und zurückgezogen in einer Einraumwohnung mitten in einer riesigen anonymen Wohnscheibe. Ich vertiefte mich in das Schreiben. Damals verschlang ich alles von Franz Kafka. Ich war noch viel zu jung dafür und verstand nur die Hälfte. Aber viel wichtiger war, dass ich Kafkas Verzweiflung verstand. (Jahre später erzählte mir eine ungarische Freundin, sie hätte Kafka in der Schule mit viel Vergnügen gelesen, weil seine Geschichten so schrullig verschroben sind.) Ich versuchte wie er all meine Verzweiflung in die Geschichten zu legen, um ihr eine Gestalt zu geben. Das Geschriebene ist verloren gegangen. Das meiste zumindest blieb für immer auf den Disketten, die ich für die elektrische Schreibmaschine benutzte. Ich nahm an Jugendschreibwettbewerben teil. Ohne die Energie meiner Mutter wäre mir die Teilnahme nicht gelungen. Sie überarbeitete die Bewerbungstexte, suchte sie auch mit aus, schickte sie ab.

Noch heute befällt mich das tückische Gefühl der Vergeblichkeit, wenn ich mich mit Wettbewerben aller Art auseinandersetze. Es macht mich matt und kraftlos. Es gibt so viel von allem schon. Es ist wie noch mehr Milch in die volle Tasse gießen. Wozu? Lasse ich die Milch besser oder auf eine Art und Weise überlaufen, dass es irgendeiner Achtung oder Aufmerksamkeit bedurft hätte? Ich hielt trotzdem am Schreiben fest. Für mich? Für meine Mutter? Gleichzeitig malte und zeichnete ich. In der Zeit fing ich auch an meine Texte zu illustrieren und Bilder mit Worten und Text auszuschmücken. Ich begann nach der Ausbildung das Abitur auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg nachzuholen. Das entfernte mich örtlich von meiner Mutter. Ich fand neue bessere und andere schreckliche Menschen. Ich fand tatsächlich auch Freunde. Umso schlimmer war für mich die zweite große Verletzung, die mir meine Mutter zufügte. In einem Telefonat teilte sie mir heulend mit, dass ich das so nicht schreiben kann. Ich hatte ihr eine kurze Erzählung geschickt. Ein Freund fand sie sehr gut. Ich auch. Aber meine Mutter hatte ich gefühlt eine Treppe hinuntergestoßen. Ich hatte einen großen Fehler gemacht. Ich hatte meiner Mutter mit meinen Worten wehgetan. Ich war gewalttätig geworden gegen meine Mutter wie es mein Vater getan hatte. Ich war wie mein Vater und hatte meine Mutter zum Weinen gebracht. Das Erlebnis führte dazu, dass ich die nächsten Jahre vergeblich versuchte, etwas zu schreiben. Mein Schreibtalent stellte ich in den Dienst von Sachtexten oder zur Unterhaltung bei zünftigen Betriebsfeiern. Aber sonst? Werde ich meine Freunde auch so verletzen? Meine Frau? Meine Kinder? Ist das Schreiben von Literatur nicht sowieso ein maßloser Auswuchs von Narzissmus.
Ich malte und zeichnete weiter. Das war unverfänglicher als Worte. Und ich wendete mich der Musik zu. Techno und dessen Produktion wurde auch für Laien wie mich erschwinglich und machbar. Ohne nennenswerte Noten- und Spielkenntnisse nahm ich meine Musik auf. Auch hier scheue ich mich, anzuerkennen, dass ich Hörbares produziert habe. Ich verstecke mich. Ich teile ungern meine Musik mit anderen. Ich könnte jemanden mit meiner Musik belasten und nerven. Außerdem ist es keine Musik. Es ist Lärm.

Mein kalter Entzug
oder: eine fatale Entscheidung zwischen Emanzipation oder Selbstmord (2018)
NICHT ZUR NACHAHMUNG EMPFOHLEN!
Mit dem zweiten Aufenthalt in einer Tagesklinik nach meinem zweiten psychischen Zusammenbruch begann meine Einnahme von Venlafaxin – damals, 2007, noch mit dem Namen Trevilor. Der damalige Tagesklinikchef hat es mir verschrieben – eine Menge von 37,5 mg. Im Laufe der letzten 10 Jahre steigerte sich die Dosis bis ich schließlich bei der Höchstdosierung von 300 mg angelangt bin. Warum das so passiert ist, kann ich nicht ganz klären. Ich bin Patient – kein Mediziner, kein Wissenschaftler.
Mit der Einnahme von Venlafaxin hatte ich grundsätzlich keine Probleme. Ich war bereit es einzunehmen, um dem furchtbaren Zustand eines psychischen Totalausfalls entgegenzuwirken. Trotzdem folgte ein dritter Zusammenbruch nachdem ich in Absprache mit meiner Psychiaterin den Versuch unternommen hatte, dass Mittel geringfügig zu reduzieren, weil es mir eine Zeit lang tatsächlich recht gut ging und eine gewisse Stabilität bei mir einkehrte. Das ging aber nach hinten los. Es folgte nämlich ein dritter Zusammenbruch, der mich aber anders überrumpelte als die beiden ersten, weil die äußeren und inneren Umstände in meinem Leben zu der Zeit relativ in Ordnung waren. Es lief eigentlich alles ganz gut. Danach ging es dann immer höher hinauf bis zu 300 mg. Für mich hieß das: keine weiteren Experimente vorerst mit Antidepressiva, ich bleibe besser bei den 300 mg Venlafaxin anstatt es zu reduzieren oder abzusetzen oder zu ergänzen mit weiteren Medikamenten.
Es folgte der vierte Zusammenbruch – die vierte schwere Depression im Jahr 2016. Diesmal war der Auslöser dafür offensichtlich. Nachdem sich meine Arbeitssituation über viele Jahre allmählich immer mehr verschlechterte, hielt ich der Situation irgendwann nicht mehr stand. Ich wurde von meiner Psychiaterin dauerhaft krankgeschrieben. Es verbesserten sich ja nicht damit die Bedingungen auf meinem Arbeitplatz. Als Folge davon gab ich meine Arbeit auf. Mit meinem Arbeitgeber handelte ich einen Aufhebungsvertrag aus. Seitdem bin ich arbeitslos und ohne eine vernünftige Perspektive für mein weiteres Leben.
Die Tatsache, dass ich Venlafaxin einnahm, führte immer wieder zu Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Freunden, Kollegen, Lebenspartnern. Wenn diese aus ihrem Interesse an mir erfuhren, welche Aus- und Nebenwirkungen das Medikament mit sich bringt, dann wollten sie mal mehr mal weniger heftig nicht einsehen, warum ich das Medikament nehme. Es fehlte eine gewisse Akzeptanz, dass das mir helfen täte. Die Nebenwirkungen von Venlafaxin sind deutlich spürbar – körperlich vor allem. Ich habe mich mit ihnen arrangiert, weil es mir stets wichtiger war, etwas gegen meine Depression zu unternehmen als auf die Argumente derer einzugehen, die nicht von Depression betroffen sind. So kann ich vielleicht an mehr als einer Hand abzählen, wie oft ich mich plötzlich in einer Situation befand in der ich mich rechtfertigen musste dafür, dass ich Venlafaxin einnehme.
Nun habe ich durch meine Depression nicht nur eine Krankheitsgeschichte, sondern damit eng verbunden auch eine Suchtgeschichte. Ich habe eine Drogenmissbrauchsgeschichte. Und ich habe inzwischen ein wenig Erfahrung mit Entzug und deren Folgen. Zum Glück war ich nie alkoholabhängig. Aber ich war nikotinsüchtig. Nach mehreren missglückten Anläufen habe ich mir „das Rauchen“ abgewöhnt. Ich habe die körperlichen und psychischen Entzugssymptome mit Erfolg durchlitten. Um es gleich vorweg zu nehmen: ich war nie ein Freund von Experimenten von illegalen Drogen. Die Erfahrungen, die ich bereits mit Alkohol und Nikotin machte, genügen mir. Ich bin eher ein ängstlicher Typ. Deswegen ist meine Palette an illegalen Drogen, die ich probiert habe, eher schmal: Cannabis, psychoaktive Pilze, LSD. Mehr gibt es da nicht. Ich habe die Technozeit ohne Ecstasy überstanden. Ich hatteweiterhin zu viel Angst und Respekt vor Kokain und Heroin. Außerdem sind das beides Drogen, deren Wirkung bei mir kein Interesse hervorrufen und sie sind mir noch mehr suspekt wegen ihrer Art der Herstellung als andere illegale Drogen, weil es viel mit Chemie zu tun hat.
Der Entzug von Cannabis ruft bei mir psychische Begleiterscheinungen hervor wie ich es beim Zigarettenentzug erlebt habe. Die körperliche Komponente wie bei Nikotin fehlt. Beim Venlafaxin nun sieht die Geschichte anders aus. Venlafaxin abzusetzen ist kein Zuckerschlecken. Streng genommen sollte ich mich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, um unter fachlicher Aufsicht mit den Folgen des Absetzen von Venlafaxin klarzukommen. Aber dafür fehlt mir das Vertrauen. Deswegen kämpfe ich alleine mit den Symptomen: Benommenheit, Schwindelgefühl, ein Rauschen und Brausen in meinem Kopf, in meine Ohren, eine flimmernde verzerrte optische Wahrnehmung, Muskelkrämpfe am ganzen Körper, Konzentrationverlust, Fahruntauglichkeit, innere Unruhe, Gedankenschleifen, Mattigkeit, Müdigkeit, Schlappheit, Appetitlosigkeit, Verlust von sexuellem Verlangen, Angst, spontane heftige Gefühlsausbrüche wie Wut, Angst, Trauer und Freude.
Warum tue ich mir das an? Weil mein Körper das letzte ist, worüber ich bestimmen kann. Ob ich darüber bestimmen darf, ist eine andere Frage. Ich war vor vielen Jahren bei einem Vortrag von einem trockenen Alkoholiker. Eine Aussage von ihm hat sich bis heute bei mir im Kopf gehalten: Es gibt in Deutschland ein Recht auf Verwahrlosung. Wenn ich unter einer Brücke hausen will, dann darf ich das.- Dieses Recht nehme ich hiermit für mich in Anspruch indem ich Venlafaxin von hier auf heute absetze.
Nachtrag zu Venlafaxin und Abhängigkeit: Ich habe zwei Ausschleichsymptome vergessen, die momentan noch auftreten, seit ich Venlafaxin nicht mehr einnehme: Schüttelfrost und Hitzeattacken. Wobei wir schon bei der Problematik Definition Entzugerscheinungen/Ausschleichsymptome wären. Bisher konnte mir kein Arzt und kein Beipackzettel nachvollziehbar erklären, warum ich nicht abhängig von Venlafaxin bin. Wenn ich das Medikament mal aus Versehen vergessen hatte, einzunehmen, traten spätestens nach einem halben Tag die ersten Auschleichsymptome hervor: Schwindelgefühl, Schüttelfrost und Hitzeattacken. Somit ist mein allgemeines Wohlbefinden von der Einnahme des Medikaments Venlafaxin abhängig. Das fing auch schon bei einer Minimaldosis von 37,5 mg Venlafaxin an und zwar genauso heftig wie bei einer Dosis von 300 mg. Aber auf mehrfaches Nachfragen und Nachlesen erhielt ich stets als Antwort, dass Venlafaxin nicht abhängig macht und dass die Folgen einer Absetzung des Medikament, ob absichtlich oder aus Versehen, bloß Ausschleichsymptome sind. Keine Entzugserscheinungen. Worin besteht der Unterschied? Mache ich mich etwa zu sehr an Begrifflichkeiten fest, wo ein vernünftiger Umgang mit Antidepressiva doch nichts mit Sucht und Abhängigkeit zu tun hat? Ist so ein Medikament deswegen gleich harmloser und unbedenklicher als Zigaretten oder Haschisch? Und: Darf ich illegale Drogen und legale Medikamente überhaupt in einen Topf werfen? Vermutlich nicht. Das wäre unsachlich und unfachlich.
Derzeit gehe ich viel spazieren und entdecke ganz neue Seiten in meiner Heimatstadt, putze die Fenster in meiner Wohnung, weil das auch mal dran sein muss, gönne mir täglich kleine Höhepunkte und Freuden, koche und esse allmählich wieder mit Appetit -ich habe da schon viel gutes Handwerkszeug in den Kliniken mitgenommen- die heftigen Absetzsymptome schwächen sich bei mir nach zirka 1 Woche wieder ab, dafür ist meine Gefühlswelt insgesamt ausgeprägter geworden. Ich rauche und trinke momentan nicht, nicht einmal meinen heiß geliebten Kaffee, kiffe nicht und nehme auch sonst keine Drogen ein. Das Ende ist offen…

zumutung

es ist seltsam, was mit mir geschieht, wenn ich darüber nachdenke wie ich meine derzeitige lebenssituation einschätze und bewerte – ich kriege angst
es ist seltsam, zu spüren, dass die deutungshohheit über meine person und mein schicksal von fremden Dritten mitbestimmt wird
es ist seltsam, dass ich einerseits meine psychische Erkrankung gut kenne und sie in mein Leben integriere, aber fremde Dritte andererseits meine Lage anders einschätzen
es ist seltsam, dass ich mit Cannabis einerseits ein Mittel gefunden habe, um relativ gut und nebenwirkungsarm mit meiner psychischen Beeinträchtigung zurechtzukommen, andererseits sich eine enorme psychische Belastung durch die staatliche Verfolgung von cannabiskonsumten in mir aufbaut
es ist seltsam, dass ich tatsächlich kriminell bin, weil ich fast täglich Cannabis in einer Menge von bis zu 0,5 Gramm Haschisch zu mir nehme
es ist seltsam, dass ich wegen des verbotenen Kaufes von Cannabis verurteilt worden bin zu einer Geldstrafe oder wahlweise Gefängnis
es ist seltsam für mich, dass ich von einer Ärztin vom mdk gesagt kriege, dass ich bei der verzögerten Reaktion meiner Pupillen weder ein Fahrzeug führen noch Maschinen bedienen dürfe, nachdem ich mit dem Fahrrad zum mdk gefahren bin
es ist für mich seltsam, wenn man mir sagt, ich sei nicht nüchtern und sei beeinträchtigt, weil ich am Abend zuvor Cannabis geraucht habe
es ist seltsam, sich so kriminell, krank und unfähig zu fühlen
es ist seltsam, so was immer wieder über all die Jahre zu erleben
es ist seltsam, dass ich mich nicht an diesen Zustand gewöhnen kann
es ist eine Zumutung.